Viel Glück und etwas Unglück (Coop Zeitung,
9.6.2004, Reinhold Hönle)
Züri West melden sich mit neuer Single zurück (20minuten,
14.5.2004, Simone Matthieu)

Die Mannschaft ist nicht der Star (Berner Zeitung,
23.8.2001, Adrian Zurbriggen)
Nach Erfolgen an der Transferfront starten Züri West übermorgen in
die neue Spielzeit. Auf «Radio zum Glück» zeigen sich Kuno Lauener und seine
verjüngte Mannschaft von ihrer sportlichen Seite.
Adrian Zurbriggen
Die Zeiten des
kampfbetonten Spiels sind vorbei. Im Wankdorf und auch in West. Während dieser
Tage die erste Mannschaft von YB effizienten, der gepflegten Technik
verpflichteten Fussball auf den Rasen einer Provinzarena mit
landschaftstheaterartiger Waldkulisse zaubert, wollen YB-Fan Kuno Lauener und
seine Mannen nicht hintenanstehen: Auf ihrem neuen Tonträger «Radio zum Glück»
exerzieren Züri West
ihrerseits elegantes Handwerk.
Cool und abgeklärt eröffnen Züri West ihre neunte CD:
Das mitteltemperierte «Pamplona» lässt mit aufreizend lässigem, aber solidem
Bass-Schlaugzeug-Fundament erst einmal die defensiven Muskeln spielen, die
Bemühungen im offensiven Mittelfeld beschränken sich auf einige Tontupfer von
Akustikgitarre, Elektropiano und Flügelhorn. Bereits Track Nummer zwei bietet
attraktives Vorwärtsspektakel: Die Single «Ohni Di» kommt als formschöner 70er-
Disco-Stampfer mit schlüpfriger Funkgitarre und tanzbodenkompatiblem Groove aus
den Boxen.
Aerodynamisch und sexy
Dieser astreine Sommerhit - aerodynamisch
und sexy - gibt die taktische Marschrichtung an für die restlichen 40
Spielminuten: Auf «Radio zum Glück» regiert Pop. Die dreizehn Songs kommen
luftig, lässig und locker daher, auch wenn zwischen-durch immer wieder mal ein
Querpass gespielt und für eine bedächtigere Nummer der Melancholiepegel erhöht
wird.
Damit verabschieden sich Züri West im siebzehnten Jahr ihres Bestehens endgültig vom
Gitarrenrock in ihrer urtypischen erdig-dringlichen Spielart. Und schliessen so
eine Entwicklung ab, die 1994 mit der Auswechslung des Rumpelschlagzeugers
Silvio Silfverberg durch den Filigrantechniker Gert Stäuble seinen Anfang nahm,
auf dem folgenden hippen Erfolgsalbum «Züri West» sachte zu klingen begann und spätestens 1999 mit
der süffigen «Super 8»-CD evident geworden ist.
Der vorwärts orientierte
Spielfluss wird nur zweimal gebremst: In «Wenn i di nid cha überrede», der
überflüssigen Coverversion eines Hüsker-Dü-Songs, und im weit hinten platzierten
Titelstück «Radio zum Glück» lassen Züri West die Gitarren krachen, als wär noch immer 1987.
Dass dieser für die Platte so untypische Song der ganzen CD den Namen gab,
hängt wohl einzig damit zusammen, dass DRS3 neben YB eine weitere
Herzensangelegenheit der Band ist: Der Text ist eine böse Abrechnung mit dem
einst geliebten, lärmigen «Störsender», der zum seichten Mainstreamkanal mutiert
ist. Mit «Warum sände die hütt wieder nume Scheisse» zeigt Lauener dem Sender,
dem Züri West
einiges zu verdanken hat (was die Band im Booklet auch anerkennt), die rote
Karte.
Dass Züri Wests neues, windschnittiges
Klanggewand bestens in das dem Gebot der «Durchhörbarkeit» folgende aktuelle
DRS3-Programm passt, ist aberwitzig und sicher nicht beabsichtigt - aber halt
doch irgendwie typisch: Züri West sind immer mit offenen Ohren durch die Welt
gewandelt und verstanden es stets, Trendiges clever ins eigene Spielsystem zu
integrieren.
Zudem machen sich die vor Saisonbeginn getätigten, klugen
Transfers bereits ohrenfällig bemerkbar. Der unauffällige Bassist Martin Gerber
wurde durch den Shoppers-Tieftonvirtuosen Jürg Schmidhauser ausgewechselt, der
im Zusammenspiel mit Trommler Stäuble bestens harmoniert. Der ebenfalls
abgetretene Gitarrist Peter von Siebenthal wurde gleich doppelt ersetzt: In
Schaffhausen hat man den stupenden Allrounder Tom Etter verpflichten können und
aus den Reihen der Berner Band Mâozinha stiess der vielseitig einsetzbare
Tastenmann Oli Kuster zum Team um Spielertrainer Markus Fehlmann (Gitarre) und
Captain Lauener.
Globalisierung und Identität
Zu sechst zelebrieren die neuen Züri West eine
internationalen Massstäben genügende Spielkultur, die mit allerlei bloss im
Kopfhörer hörbaren Raffinessen gespickt ist. Aber: Wie so oft bedeutet
Internationalisierung, also Globalisierung, auch im Falle von Züri West gleichzeitig ein
Verlust von Identität. Genauso wie die erfolgreiche, aber letztlich
austauschbare aktuelle YB-Mannschaft auch als FC Aarau einlaufen könnte, gibts
heute den typischen Züri West-Klang nicht mehr. Identitätsstiftend ist einzig
Laueners Nuschelsprechgesang. Was böse Zungen schon länger behaupten, wird
offensichtlich: Kuno Lauener ist Züri West und Züri West ist Kuno Lauener. Kurz: Die Mannschaft ist hier
nicht (mehr) der Star.
Verteidigung und Angriff
Das bedeutet natürlich, dass Züri
Wests Resultate sehr stark von Laueners Leistung
als einziger echter Sturmspitze abhängen: Stäuble und Schmidhauser können ein
noch so engmaschiges Abwehrdispositiv aufziehen; Fehlmann, Etter und Kuster im
Mittelfeld noch so virtuos kombinieren - wenn der Lauener die Dinger vorne nicht
reinmacht, sprich: keine Tore schiesst, wirds eng.
Und genau das ist der
Fall: Laueners neueste Texte kommen nicht an frühere Glanzleistungen heran. Zwar
dribbelt er sich gewohnt virtuos und nonchalant durch seine Reime, doch bis auf
wenige Ausnahmen bleiben überraschende Kniffe und Wendungen aus. Vieles bleibt
vorhersehbar - zumal Lauener wie schon auf «Super 8» vorwiegend erotische
Niederlagen thematisiert. Einiges wird gar aufgewärmt: «No'ne Blues» ist nicht
bloss im Titel ein kleiner Bruder der 94er-Single «Blues».
Fazit: Das neue
Züri West-Team hat
trotz nicht zu verbergender Mängel in der Offensive das Potenzial, ganz vorne
mitzuspielen. Obs zum Gewinn der Schweizer Verkaufszahlenmeisterschaft 2001
reicht, wird sich im Oktober zeigen, wenn Gölä mit seinem neuen Werk «III» ins
Geschehen eingreift.
Verstummt (FACTS, 23.8.2001, Friedli Bänz)
Nicht, dass Kuno Lauener nichts mehr zu sagen hätte. Die
neue Platte seiner Band Züri West aber nährt den Verdacht, er wolle es
verschweigen.
Von Bänz Friedli, Kulturredaktor
Wie er seinen Kragen hochschlägt, die Sonnenbrille in die Stirn schiebt, eine
Zigarette anzündet und bei dreissig Grad Kälte James-Dean-gesichtig vors Café
«Blue in Green» auf die Third Street hinaustritt, fröstelnd und flackernd,
schutzbedürftig und Furcht erregend zugleich - das muss ein Rockstar sein.
Februar 1996. Keiner hier in Philadelphia kennt Kuno Lauener. Aber jeder dreht
sich nach ihm um.
So kennen wir ihn aus verkifften Hinterzimmern, müffelnden Kellern, aus den
eisigen Berner Nächten der hitzigen Achtzigerjahre. Wie er sich ans Mikrofon
klammerte, in sich gekrümelt und doch auf dem Sprung zum Angriff. Ein Wortführer
wider Willen, denn seine Songs waren Stimmungsgemälde, keine Stimmungsmache. Und
doch stand er da oben und konnte nicht anders, ein Rebel without a Cause
zwischen Schall & Rauch & Rotwein, zum Helden der Jugendbewegung
emporgespült. Wie er in klandestinen Weihnachtskonzerten in der klirrend kalten
Reitschule dem Fernweh eine Sprache gab, «wenn i z Bärn am Fänschter stah u d
Sunne grad im Meer versinkt», in besetzten Fabrikhallen den Ausbruch beschwor,
«mir wäre fasch ggange», und ihn gleich wieder ersterben liess, «aber du oder i
ha plötzlech gseit, es schiisst mi aa».
Züri West machten Rockmusik im besten Sinn: verkörperten die Gegenkultur,
artikulierten ein Zeitgefühl, waren die Stimme einer Generation. Hätten sie
jedoch nur das Berner Gefühl der Achtzigerjahre in Musik gesetzt, wärs längst um
sie geschehen. Züri West verkörperten auch das Zurücklehnen nach der Auflehnung,
formulierten auch das schale Gefühl der Neunzigerjahre. Und weil die Band die
eigene Rolle immer zu reflektieren, den eigenen Wandel zu dokumentieren wusste,
war ihr zuzutrauen, dass sie sich auch in ihrem achtzehnten Jahr noch einmal
erfinden würde.
Ihre Grösse zeigten Züri West nämlich stets in ihren Brüchen: Wie souverän
die Musiker über die Dreissig-Jahre-Schwelle stolperten, 1991 auf ihrer besten
Platte «Arturo Bandini» die eigene Biografie zwinkernd mit der eines billigen
amerikanischen Romanhelden verquickten, die eigenen Hits durch den Kakao zogen,
sich im Fussballlied «Hütt hei si wieder mau gwunne» zu einem Verliererteam
bekannten, plötzlich erwachsen statt berufsjugendlich. Sprachrohr Lauener
verweigerte sich seiner Sprache: «Es hätt es ehrlechs Lied ggäh, eis, won ig s
allne hätt zeigt.» Der Politik folgte Privates, dem Aufbruch die Einkehr. «Dr
Summer isch verbii», stellte die Band lakonisch fest und meinte das Erkalten des
«Heissen Sommers 1980». Statt Achtziger-Anarchie-Kitsch nüchterner Realismus,
statt Selbstverklärung das ungeschönte Selbstporträt eines desillusionierten
Kreditkarteninhabers: «Solang no Chole chöme, we me ds Chärtli inelaht
...»
Mit jedem Bruch wuchsen Züri West. Wie sie 1994 unversehens zu sommerlicher
Leichtigkeit fanden - nach zehn Jahre währender Winter-Tour, in deren Songs es
stets schneite, deren Protagonisten in ungeheizten Wohnungen froren, die Miete
schuldig blieben und jammerten, «dass dr Winter no drei, vier Mönet
geit».
Wie sie nach dem Triumph des 175'000-mal verkauften Albums «ZüriWest» aus dem
Licht flohen, in das der Hit «I schänke dir mis Härz» sie katapultiert hatte.
Wie trotzig sie in Philadelphia das finstere «Hoover Jam» einspielten. Wie der
Star sich in «Alei ufe Mond» und «Nüt aus Nacht» in Frage stellte. Wie er mit
Rolle, Status, Metier haderte. Als gälte es, seinen Ruhm zu zertrümmern.
Wie sie dann 1999 easy im Rhythmus der Jetztzeit swingten, als ironische
Entertainer süffig in der neuen Unverbindlichkeit schaukelten, Lichtjahre von
der schwerblütigen Gitarrenband entfernt, die sie einst waren. Wie sie gar mit
dem Wort brachen, wie sie die Platte «Super8» instrumental begannen. Lauener
verstummt?
Je verzweifelter er zuletzt gegen die Spiessigkeit ansang, desto deutlicher
wurde seine Angst vor dem Älterwerden. Doch ein Songschreiber, der, sänge er
Englisch, in einem Zug mit Randy Newman, Lou Reed und Kurt Cobain genannt würde,
werde auch für dieses neue Gefühl Worte finden. So hoffte man.
«Radio zum Glück», das neue Album, enttäuscht die Hoffnung. Weil sich Züri
West den jüngsten Brüchen nicht stellen: dem Ende ihrer Stammformation und dem
drohenden 40. Geburtstag. Klar, es ist unterhaltsam, wie sie zeitgeistige Sounds
gegen den Strich bürsten: Ihr Funk ist handzahm; ihr Easy Listening ist depro,
dafür der Blues zuversichtlich; ihr Disco ist schlaff, dafür ihr Trip Hop
erigiert. Aber solcherlei Elektrospielerei bot schon «Super8», und das
Selbstzitat ist einer Band nicht würdig, die sich bisher mit jeder Platte
entscheidend entwickelte. «Just another Züri West album», das reicht nicht. Zwei
Bisherige gingen, drei Neue kamen, aber keiner von ihnen vermochte so zündende
Melodie-Ideen einzubringen wie früher Peter von Siebenthal. Und dass «Obsi
nidsi», die berndeutsche Version von «Upside Down», nicht groovt, kann ja kaum
Absicht sein. Immerhin ist das Original nach «Sexual Healing» der
zweiterotischste Song der Musikgeschichte.
Exemplarisch zeigt sich das Problem des Albums an «Ohni di», der Single, die
als Sommerhit konzipiert wurde: Ihre Sounds sind sexy, luftig und ironisch
gemeint. Aber die Leichtigkeit wirkt verkrampft, und textlich ist die Ironie
kein taugliches Mittel. Wenn Lauener einmal mehr schnippisch Distanz zum
kleinbürgerlichen Leben markiert, zu Heirat, Kinderkriegen, Zusammenbleiben,
hört man das Gegenteil von dem, was er gerne sänge. Warum, fragt man sich, singt
er nicht darüber, dass es ihn stresst, 40 zu werden? Warum macht er die Zweifel
am eigenen Weg nicht zu Musik? Warum singt er nicht über Übergewicht &
Haarausfall, Zukunftsangst & Resignation und was Thirty-Somethings sonst
bewegt?
Stattdessen schwüle Zimmer, diesige Blicke, lauwarme Nächte, wie gehabt.
Natürlich geht er noch immer präziser und origineller mit der Mundart um als
alle anderen, natürlich hat seine Alltagssprache noch hie und da literarische
Qualität. Aber warum verschwendet Lauener sein Riesentalent an die immer
gleichen Irrungen und Wirrungen um Liebe und Sex? Und warum auf so belanglosem
Level? Andere, differenzierte Färbungen aus «Radio zum Glück» herauszuhören,
dazu braucht es schon sehr viel guten Willen. In «Geburtstag» taucht ganz am
Rand der Börsenwahn auf, «Monster» deutet elegant seelische Unrast an, «Miuch u
Zucker» ist eine schöne Sehnsuchtsballade mit unverbrauchten Worten, «Toti
Flüger» ist eigensinnig getextet, handelt aber auch nur vom Alltag einer
Rockband. Gut und recht. Aber zu wenig für die beste Rockgruppe im Land neben
den Young Gods.
Früher wusste Lauener seinen privaten Kram so zu erzählen, dass er eine
politische Relevanz hatte. Gut, die Zeiten haben sich geändert, die Ideologien
sind bachab. Aber just zu diesem Gefühl der Leere hätte man sich von ihm
klärende Worte erwartet. Man hätte sich gewünscht, es möchte Züri West gelingen,
die Schnittstelle von Privatem und Öffentlichem zu treffen, so universell intim
zu sein wie die Young Gods letztes Jahr auf ihrer fantastischen Platte «Second
Nature». Es möchte den Bernern wie zuvor den Genfern gelingen, der
Entpolitisierung des neuen Jahrtausends ein Bewusstsein entgegenzusetzen. Oder
auch nur ein Gefühl.
Das Schlimme ist nicht, dass Lauener nichts mehr zu erzählen hätte. Sondern der Verdacht, er verschweige, was ihn wirklich umtreibt. Und die Vermutung, er hätte im Grund schon noch mehr zu sagen, als dass DRS 3 neuerdings Scheisse sei. Shit, Lauener, du hast uns doch früher unser Leben erklärt! Konntest mit vier, fünf Worten Abgründe in unserer Seele öffnen wie damals im Song «Abspann» mit der hingeworfenen Frage «Wenn bisch zletscht Mal alei gsy?». Dass du jetzt ein gewöhnlicher Popstar bist, der ein bisschen übers Vögeln und ein bisschen übers Sehnen singt, daran müssen wir alten Fans uns zuerst gewöhnen. Aber es sind sowieso die Twens und Teenies, die CDs kaufen. «Radio zum Glück» hat also gute Aussichten auf einen tollen Platz in der Hitparade.
back to top
Leichter Nebel über dem Mittelland
(Tages-Anzeiger, 22.8.2001, Jean-Martin Büttner)
Neue Besetzung, neue Platte, neue Zuversicht. Doch "Radio zum Glück" von Züriwest überzeugt nur in Teilen.
Von Jean-Martin Büttner
"Ich führe ein gutes Leben", sagt er in seinem lasziven Berndeutsch, "aber es gibt zu wenig her, um alle zwei Jahre eine Platte daraus zu machen." Dazu sein patentierter Schlafzimmerblick, das schiefe Grinsen und eine weitere von vielen Zigaretten. Kuno Lauener, soeben vierzig geworden, "was einiges verändert, in meinem Geschäft sowieso", ist nach eigenem Bekunden drauf und dran, "das Persönliche auf die Reihe zu bringen und mit meiner Rolle zurechtzukommen". Mit anderen Worten: Der Sänger verbreitet eine Gelassenheit, die er seinen rastlosen Figuren bis heute vorenthält.
Zwar haben Züri West - oder Züriwest, wie sich die Gruppe mittlerweile nennt, als handle es sich um einen Markenartikel mit Internetanschluss -, zwar haben sie ihre neue Platte "Radio zum Glück" genannt, nur handelt das Titelstück vom Gegenteil. Nämlich vom Tagesprogramm von Radio DRS 3, bei dem sich infantile Moderatoren und seniles Musikprogramm abwechseln, in Laueners Zeilen: "Warum sände die hütt wieder nume Scheisse / u warum hocken i hie wehrlos uf em Klo?"
Zelebriertes Unglück
Das führt zur Frage, ob es Züriwest nicht genauso geht wie ihrem einstigen Lieblingssender, ob nicht auch sie dauernde Adoleszenz verbreiten. "Auch wir machen Musik als Beruf", gibt Lauener zurück; "aber dermassen stillos braucht man sich dabei nicht zu demontieren." Die musikalische Antwort der Gruppe besteht darin, die Frage zu bestätigen: "Radio zum Glück" hat mehr mit Techno-Ästhetik zu tun als mit Gitarrenrock. Während das letzte Album die alten Posen brillant ironisierte, gibt man sich auf dem Neuen zurückhaltend. Bass und subtile Samples grundieren die Tonspur, die Gitarren brechen kaum je solierend aus, und Lauener selbst beschränkt sich auf einen Sprechgesang, der mit Gesang bestenfalls die Absicht gemeinsam hat. Nur zwei der 13 Lieder haben eine klar konturierte Melodie; kein Zufall, dass es Coverversionen sind. Der neue Sound gründet in personellen Wechseln. Für den melodischen Leadgitarristen Peter von Siebenthal kam der Multiinstrumentalist Tom Etter, Martin Gerber wurde durch den virtuosen Shoppers-Bassisten Jürg Schmidhauser ersetzt, zuletzt schloss sich Keyboarder Oli Kuster an. Lauener fühlt sich von den Neuen inspiriert wie schon lange nicht mehr; gemeinsam stellt man im Übungsraum das Tourprogramm zusammen, am Liebsten würde man gleich die nächste Platte aufnehmen.
Die jetzige nämlich, das sieht auch Lauener so, sei "ein Übergangsprodukt", anders gesagt: nötig für die Musiker, nicht zwingend für das Publikum. Dass die neuen Stücke so knapp und trocken daherkommen, spricht für die Selbstdisziplin des neuen Kollektivs und kommt einigen Liedern sehr entgegen: dem Eröffnungsstück "Pamplona", das Hemingways "Fiesta" nachempfunden ist; der federnden Single "Ohni Di", die erst enttäuscht und sich dann einschleicht; dem karg gehaltenen "Monster", dem zärtlichen Liebesleid von "Miuch & Zucker".
Nur kann man es mit dem Understatement auch übertreiben, zumal Lauener sich dermassen um die Gesangslinien herumdrückt, dass bei Stücken wie "No'ne Blues", "Geburtstag" oder "Julia" bald Monotonie aufkommt, der Eindruck des Austauschbaren. Den Rockgestus der frühen Jahre zu überwinden, war wohl unumgänglich. Nur bedeutet das nicht, gleich noch auf die Form der Lieder zu verzichten. Umso mehr, als viele Texte alte Posen wiederbesichtigen. Keine Frage, Laueners Vignetten zum "Nebel über dem Mittelland", wie er die Melancholie seiner Figuren nennt, sind detailgenau und poetisch wie immer. Irritierend nur, dass der Vierzigjährige immer noch dieselben Verlierertypen auftreten lässt, die ihr Unglücklichsein zelebrieren, Frauen auf Distanz halten und sich dann darüber beklagen: "I ha scho mängisch vouer Gluet um öpper gworbe", heisst es in "Hermann" präzis, "u ha mr iigredt, i chönn ohni nümmeh sii / aber gäng denn wenn i ändlech mau am Zieu bi / de chunnt s mr vor, aus wär ds Beschte scho vrbii." Er habe sich "extrem viel selber zitiert auf dieser Platte", gibt der Sänger zu. Als habe er sich auf etwas besonnen, "von dem ich möchte, dass es weitergeht, und zugleich merke, dass es so nicht mehr gibt"; als flüchte er sich in seinen Songs in Gefühle, "die ich selber nicht mehr empfinde". Das ist ehrlich und genau; er müsste ein Lied darüber schreiben.
back to top
Züri West zum Glück (SonntagsZeitung, 19.8.2001, Christian
Seiler)
Auf ihrem neuen Album verbreiten die Berner Musiker wohltuende Entspanntheit - und greifen DRS 3 an
Als vor ein paar Wochen Panini-Bilder in Umlauf kamen, auf denen die Jungs von Züri West als Fussballer verkleidet zu sehen waren, standen Branche und Fans vor einem Rätsel. Gewiss, Züri West meldeten sich zurück, Zeit wars, das letzte Album «Super 8» hatte schon gute zwei Jahre auf dem Buckel. Aber was, in Gottes Namen, sollte die Abkürzung R.Z.G. bedeuten, die kryptisch auf Bildern und Verpackung prangte?
Jetzt ist - nach einer Unzeit des Mutmassens auf den Fan-Sites - das Rätsel sozusagen von offizieller Seite gelöst. R.Z.G. bedeutet Radio zum Glück. Das ist erstens der Titel des neuen Züri West Albums und benennt zweitens den zentralen Track 11, einen Gitarrenheuler in guter, wenn auch schon ziemlich antiquierter Züri-West-Tradition.
Auf diesem Track 11 passiert neben all der Schweinegitarrerei etwas Bemerkenswertes. Züri West, dezidierte Kinder des in der Schweiz - später als irgendwo sonst installierten - Popradios, beissen mit aller Kraft in die Hand, die sie bisher gut gefüttert hat: So erzählt uns Herr Lauener, Sänger von Züri West, wie er morgens aufs Klo geht, schlaftrunken DRS 3 einschaltet, um augenblicklich von einer Flutwelle der unangemessenen Fröhlichkeit heimgesucht zu werden, wir kennen das. Das führt zum eloquenten Refrain: «Warum sände die hütt wieder nume Scheisse - u warum hocken i hie wehrlos uf em Klo...»
Die Kinder von DRS 3 begehren auf, und zwar im Rock'n'Roll-Format
Der Titel des Songs zitiert übrigens nicht nur den Slogan einer DRS 3-Werbekampagne. Er erklärt sich auch aus dem Text selbst: «Wieso zieht niemer a dem Schtecker vo dämm Radio zum Glück sie mini Fänschter zue...» Fast schon eine Suchrätselpointe.
Es ist keine wahnsinnig neue Erkenntnis, dass DRS 3 immer verplapperter wird und sich der Grundstimmung aller deutschsprachigen Privatradios an- nähert, denen kluge Beratungsfirmen Frohsinn, Frohsinn und Frohsinn verordnen. Neu ist, dass die Kinder von DRS 3 nicht demütig auf DRS 2 umschalten und sich selbstvergessen über kluges, ruhiges Radio freuen, sondern dass sie aufbegehren, und zwar im Rock'n'roll-Format.
Dass dabei DRS 3 eines der wenigen Medien ist, welches diese Botschaft aus angesprochenen Formatgründen überhaupt transportieren kann, ist eine zentrale Pikanterie und wird bestimmt zu allerhand Scharmützeln führen.
Diese wiederum passen der Mar- ketingabteilung von Züri West blendend in den Kram. Nichts ist wertvoller als ein rebellisches Image. Dass sich die Rebellion der Band dabei ausgerechnet gegen jenes Radio richtet, dessen Rebellion gegen die Hörgewohnheiten der Schweizer erst die eigene Geschäftsgrundlage geschaffen hat, ist eine eigene Pointe - und eine Volte des Zeitgeists.
Noch witziger allerdings ist die Vorstellung, dass DRS 3, um nicht als prüde zu erscheinen, «Radio zum Glück» auf die Playlist nimmt, so dass in Büros, Autos und auf Baustellen permanent die Losung ausgegeben wird, wie scheisse das eigene Programm ist. Entsprechend sarkastisch der Vermerk auf dem CD-Cover: «Dank und Grüsse» an «DRS 3 für die ersten fünfzehn Jahre».
Das Album selbst löst das Titelversprechen nicht ein. «Radio zum Glück» ist kein rebellisches, ein nicht einmal in Ansätzen gesellschaftskritisches Album. Die zwölf offiziellen Titel (ein verborgener Kracher wird frei Haus mitgeliefert) drehen sich mit Ausnahme des Titelsongs um Ethik und Ästhetik mittelständischen Lebens, Liebens und Glücks, was ziemlich genau dem Universum Kuno Laueners entsprechen dürfte, der sämtliche Songs geschrieben und/oder getextet hat - zwei Titel sind in guter Züri-West-Tradition Coverversionen.
Es geht vorrangig - inzwischen auch so eine Züri-West-Tradition - um erotische Siege und Niederlagen, um Freundschaft, Vögeln, Abschied. Lauener präsentiert sich einmal mehr als croonender Latin Lover, als Inkarnation des akustischen Schlafzimmerblicks. Kein Wunder, dass ihn die «Schweizer Illustrierte» zum erotischsten Mann der Schweiz wählt.
Aber schon die Eröffnung des Albums, «Pamplona», offenbart die echten Qualitäten dieser CD. Ein sehr entspannter Herr Lauener unterhält sich mit seiner Begleiterin, die im Spanien-Urlaub gerade einen noch verführerischeren Herrn kennen gelernt hat. Der Song ist wundervoll instrumentiert, startet mit dem pausbäckigsten Bass der Züri-West-Geschichte, und übersetzt stimmungsmässig perfekte Anspielungen auf Hemingways «Fiesta» leicht und mühelos in den richtigen, zeitgemässen Rhythmus.
Die Originalbesetzung hat sich längst in Wohlgefallen aufgelöst
Die erste Singleauskopplung «Ohni di» hat alle Qualitäten eines Sommerhits. Die Züri-West-Version des Motown-Klassikers «Upside down» fährt - laut genug gehört - höllisch ein (und Herr Lauener zeigt, was für ein blendendes Gefühl für seine Sprache er besitzt, wenn er selbst einen tiefschwarzen Groove-Song berndeutsch erden kann).
Dass die Instrumentierung der Songs dabei weniger holzgeschnitzt daherkommt als auch schon, ist kein Zufall. Züri West ist längst nicht mehr die freundliche Gitarrenrotzband, die sie einmal war. Die Originalbesetzung hat sich längst in Wohlgefallen aufgelöst, zum tanzenden Schlagzeug, das 1994 zur Band stiess, hat sich inzwischen unter anderem auch ein Bass von ernsthaftem Groove gesellt, und der Sound im Hintergrund hat sich auf internationales Niveau hoch arrangiert.
Die dafür notwendigen personellen Rochaden wurden sämtlich aus dem Pool erstklassiger Berner Musiker gespeist, die bis anhin für die befreundeten Konkurrenzunternehmen von Patent Ochsner und Stop the Shoppers in die Tasten gegriffen hatten - was die NZZ bereits zum sarkastischen Vorschlag ermunterte, doch eine Berner Universalband zu formieren, die unter dem Etikett Shop-Patent Züri wechselnde Frontleute begleiten könnte.
Tatsache ist, dass die genaue Auswahl seiner Begleitung dem unbestrittenen Züri-West-Identitätsspender Kuno Lauener gut getan hat. «Radio zum Glück» ist seit «Züri West», dem grössten Erfolg der Bandgeschichte, das entspannteste Album von Lauener & Freunden, und das Radiogerangel um «Radio zum Glück» wird sich wohl zu einem der witzigeren Kapitel der Schweizer Popgeschichte auswachsen.
Wenn nicht, dann sind eben doch alle gescheiter als wir glaubten, aber jetzt glauben wir das noch nicht.
back to top
Züri West ist wieder da! (Blick,
3.8.2001, H.Elias Fröhlich)
Kuno wettert gegen DRS 3
H. Elias Fröhlich
«Ich chumm nöd ganz drus, du schpannsch mir mini Frau us», singt Kuno Lauener in seinem typisch nuschelnden Sprechgesang. Dazu groovt die neue ZüriWest-Besetzung French-House-mässig und rhythmisch. Richtig, Fans, Züri West zeigen wieder Action. Ab morgen wird in den Radios ihre neue Single «ohnidi» gespielt. Am 25. August erscheint die CD «Radio zum Glück».
Die Single gibts ebenso wenig zu kaufen wie den ebenfalls vorab ausgekoppelten Titelsong «Radio zum Glück», kurz «RZG». Den gibts auf Internet (www.züriwest.ch). Über MP3 kann man den Song herunterladen. Der Inhalt freilich ist höchst brisant. Kuno wettert gegen das Musikprogramm von DRS 3. «Ich drücke jeweils am Morgen vor dem Gang aufs WC auf das Knöpfchen an meinem Radiogerät. Das, was jetzt passiert, ist, als ob eine Tretmine explodiert. In dem Moment, wo ich es höre, ist es zu spät. Warum sendet ihr wieder nur Scheisse. Warum hocke ich hier wehrlos auf dem Klo. Warum hat niemand Erbarmen. Ich habe nicht so lange Arme. Kann nicht endlich jemand kommen. Warum zieht niemand an diesem Stecker von diesem Radio, zum Glück sind meine Fenster zu. Es ist ein schöner Morgen, meine Nachbarn sind draussen. Ich wohne schon lange hier, ich kenne alle gut, es wäre mir peinlich, wenn sie hören würden, was ich hier für einen Sender höre.» Nach gefälligem Anfang mit melodiös und einlullend gepickter E-Gitarre schiesst Kuno im grungigen Fun-Punk-Stil seine Tiraden ab.
«Den Song habe ich aus der Sicht des Konsumenten geschrieben», erklärt Kuno seinen bissigen, aber nicht tierisch ernst zu nehmenden Text. «Das hat nichts mit den so genannten Schweizer Quoten zu tun, die von einigen Kollegen gefordert werden. Früher hörte ich am Morgen gerne die «Szene» auf DRS 3. Seit der Umstrukturierung gefällt mir die Programmgestaltung überhaupt nicht mehr. Züri West wurden allerdings immer gut von DRS 3 behandelt. Es ist also kein Racheakt. Es ist auch kein bösartiger Song. Private Radios müssen ihre Werbung verkaufen und entsprechend ihr Programm gestalten. DRS 3 hat das nicht nötig. Und hat auch einen Kulturauftrag, kassiert Konzessionen. Früher hatte dieses Radio Stil. Wir waren stolz darauf, wenn unsere Songs auf DRS 3 gespielt wurden.»
Auf der neuen CD gibts eine neue Besetzung von Züri West. Kuno: «Gitarrist Jüre Schmidhauser kommt von Stop The Shoppers, Keyboarder Oli Kuster spielte früher bei Maõzinha, er kommt vom Jazz, Gitarrist Tom Etter aus Schaffhausen spielte früher bei Starfish und Krailing und war bereits letztes Jahr als Gastmusiker mit uns unterwegs. Diese drei ersetzen Gitarrist Peter von Siebenthal und Bassist Martin Gerber. Nach 16 respektive 14 Jahren Züri West mussten sich die beiden entscheiden. Sie wählten ihre eigenen Projekte.»
back to top